23. März 2019
NRZ, Mülheim

Die wärmende Heimat der Sprache

Die Konzertlesung „Wirf deine Angst in die Luft" mit Gedichten von Rose Ausländer und einem achtköpfigen Ensemble ist im Medienhaus zu erleben

Hinweis: veranstaltet vom Kulturkreis Hösel e.V. findet am 07.04.2019 diese Konzertlesung auch im Haus Oberschlesien in Ratingen-Hösel statt (Details s. Programm)

Für das Ratinger Musikerpaar Eva-Susanne und Jan Rohlfing war die Beschäftigung mit Rose Ausländer, ihrer Lyrik und ihrem Leben eine Entdeckung. Auf Einladung der Buchhandlung Fehst präsentieren sie am Samstag, 6. April, ihr Album „Wirf deine Angst in die Luft“ live im Medienhaus. Die 1901 in Czer­nowitz in der Bukowina geborene Autorin war ihnen zwar Begriff, aber je tiefer sie in das Werk ein­tauchten, desto stärker wurde die Begeisterung für das pointierte Werk und die starke, aber auch eigenwillige Frau aus dem östlichs­ten Zipfel der K.u.K.-Monarchie Österreich-Ungarn. Dort kam 20 Jahre nach ihr auch der von Aus­länder verehrte Dichter Paul Celan („Todesfuge") zur Welt.

"Ich bin gespannt auf die Worte, die zu mir kommen wollen." (Rose Ausländer in Muttersprache)

In ihren Gedichten verarbeitet sie die Themen Heimat, Verfol­gung, Ghetto und Flucht. Es geht Ausländer aber immer wieder um das Schreiben, ihr Verhältnis zur Sprache und das Wort. „Wenn ich verzweifelt bin, schreib ich Gedich­te. Bin ich fröhlich, schreiben sich Gedichte in mich. Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?“

In einem anderen Gedicht, das auf der CD von ihr selbst mit ihrem starken Akzent zu hören ist, heißt es: „Zum Menschen bekenne ich mich mit allen Worten, die mich er­schaffen.“ Es ist kaum vorstellbar, was das Exil und der damit einher­gehende Verlust des Sprachumfeldes für jemanden bedeutet, für den die Muttersprache so existenziell wichtig ist. Schon früh zwingen sie die Zeitläufte, ihre Heimat zu ver­lassen. Sie erlangt die amerikani­sche Staatsbürgerschaft, verliert sie aber wieder, als diese für sie als Jü­din in nationalsozialistischer Zeit am wichtigsten gewesen wäre. Zwi­schendurch war sie zu lange in die geliebte Bukowina zurückgekehrt.

„Es kann nicht als selbstver­ständlich gelten, dass eine Frau, die Verwandte und Freunde unter deutscher Verfolgung sterben sah und selbst nur mit knapper Not da­vonkam, das Volk der Mörder mit ihrer Kunst bereichert", zitiert der Klappentext des aufwändig und in­formativ gestalteten Albums die FAZ. Ende 1964 kehrt sie zurück in das ersehnte deutschsprachige Mi­lieu, zunächst nach Wien, bald da­rauf nach Düsseldorf, wo sie bis zu ihrem Tod 1988 lebt.

Sie ist produktiv, erhält viele Preise, behält aber parallel zum Dichten ihre Bürotätigkeit. Mitte der 70er Jahre beginnt die Zusam­menarbeit mit ihrem Verleger Hel­mut Braun. Die Resonanz auf die ersten Bände ist euphorisch. In den 70er Jahren entstehen Tonaufnah­men, die auf der CD verwendet werden. Zu dieser Zeit verletzt sie sich aber bei einem Sturz schwer, erklärt sich 1977 für bettlägerig und verlässt die Matratzengruft nicht mehr, widmet sich aber mit aller Kraft dem Schreiben.

Hoffnung, Trost und Liebe

Ihre Verse werden schnörkelloser und knapper. „Es wäre falsch, Rose Ausländer nur als Dichtern der Shoa zu sehen“, betont Jan Rohl­fing, „in ihrem. umfangreichen Werk gestaltet sie einen Kosmos, der seinesgleichen sucht.“ Je mehr man in die Texte hineinhorche, desto plastischer und eindrückli­cher regten sie zum Nachdenken an, findet der Schlagzeuger, der auch die Musik komponiert hat.

„Ihre Gedichte sind von verwe­gener Romantik, die einen spröde, voller Schrunden und Ecken, vol­ler Trauer und Leid, die anderen melodisch offen, einfach und schön, voll Hoffnung, Trost, Liebe und Freude", schreibt Braun.

Ein achtköpfiges Ensembles auf der Bühne im Medienhaus live zu erleben, ist schon etwas Besonde­res. Es ist ein Streichquartett, das um einen Kontrabass, Schlagzeug und unterschiedliche Blasinstru­mente ergänzt wird. Eine farben­reiche Palette von Klängen sind so möglich, die der Vielfalt der Verse entsprechen. So wird das bunte Treben im Städel durch eine hüp­fende Klarinette lebendig, Flucht und Vertreibung durch einen pul­sierenden Rhythmus, und Trauer, Angst und Bedrohung durch ein klagendes Cello, das Eva-Susanne Rohlfing spielt, die übrigens die städtischen Sinfoniekonzerte ku­ratiert und die Einführung hält.

Dazu kommt die markante wie einfühlsame Stimme der Schau­spielerin und Rezitatorin Alicia Fassel. Das Album mit über 50 Ge­dichten, einigen biografischen No­tizen und Reflexionen darüber, „warum ich schreibe“, erschien zum 30. Todestag der Dichterin. Das Album kletterte an die Spitze der Hörspielbestenliste des Hessi­schen Rundfunks und wurde für den Preis der Deutschen Schall­plattenkritik nominiert.

Von Steffen Tost